Zwei Personen ordnen gemeinsam bunte Holzformen auf einem Holzboden an – eine Metapher für das gemeinsame Klären von Rollen und Entscheidungsräumen in Teams. von Meike Kuether

Selbstorganisation in Teams – warum Führung entscheidend bleibt

Viele Führungskräfte und Gründerinnen kommen irgendwann an einen Punkt, an dem sie merken: So kann es nicht weitergehen. Alles läuft über ihren Tisch, jede Entscheidung landet bei ihnen, das Team wartet auf Freigaben. Die Lösung scheint klar: mehr Eigenverantwortung, weniger Hierarchie, Selbstorganisation.

Also zieht sich die Führung zurück. Das passiert häufig sehr bewusst und mit guten Absichten.

Und dann passiert oft das Gegenteil von dem, was erhofft wurde. Das Team wartet ab. Themen werden nicht entschieden. Es wird mehr rückgefragt als vorher. Irgendwann fordert jemand mehr Führung – ausgerechnet die, die man gerade abbauen wollte!

Das ist kein Zeichen dafür, dass das Team nicht kann oder nicht will. Es ist die logische Reaktion auf eine unklare Situation.

Das Vakuum entsteht nicht durch Absicht

Wenn Führung sich zurückzieht, ohne Entscheidungsräume explizit zu definieren, entsteht kein Empowerment, sondern Unsicherheit. Wer darf was entscheiden? Wo beginnt Verantwortung, wo endet sie? Wann ist Abstimmung notwendig und wann nicht?

Ohne Antworten auf diese Fragen reagieren Menschen erstmal vorsichtig. Sie sichern sich ab, holen Rückversicherung ein, lassen Dinge lieber liegen, um keine falsche Entscheidung zu treffen. Das führt paradoxerweise zu mehr Abhängigkeit von der Führung – obwohl die das genaue Gegenteil im Sinn hatte.

Dazu kommt ein zweites Muster, das ich in der Praxis häufig beobachte: Entscheidungen werden delegiert und dann doch still wieder zurückgezogen. Ein Vorschlag kommt zurück mit „aber eigentlich müsste man das so machen". Ein Team entscheidet, und kurz darauf wird das Ergebnis doch noch mal „kurz besprochen" und am Ende durch die Führung anders entschieden.

Teams lernen wahnsinnig schnell aus solchen Mustern. Wer mehrfach erlebt, dass Entscheidungen ohnehin korrigiert werden, hört irgendwann auf zu entscheiden. Und das heißt nicht, dass sie keine Lust drauf haben. Es ist für sie vielmehr völlig rational: Warum Energie investieren, wenn das Ergebnis ohnehin korrigiert wird?

Was dann aussieht wie mangelnde Eigenverantwortung, ist oft die logische Antwort auf ein widersprüchliches Signal.

Was Führung in diesem Kontext konkret bedeutet

Selbstorganisation entsteht nicht dadurch, dass Führung sich raushält – sondern dadurch, dass sie bewusst gestaltet, was beim Team liegt und was nicht. Das ist kein Mehr an Kontrolle, sondern ein Mehr an Klarheit.

Ein paar Fragen, die dabei helfen:

Welche Entscheidungen liegen wirklich beim Team?
So konkret wie möglich klären: Was kann das Team alleine ohne Rücksprache? Wo ist eine Freigabe tatsächlich notwendig – und warum?

Wo ziehe ich Entscheidungen unbewusst zurück?
Das passiert selten absichtlich. Meistens steckt ein hoher Qualitätsanspruch dahinter, Erfahrung, Verantwortungsgefühl. Aber das System lernt trotzdem. Es lohnt sich hier einmal ehrlich hinzuschauen: Bei welchen Themen fällt mir Loslassen schwer – auch wenn ich es delegiert habe? Manchmal steckt dahinter mehr als Qualitätsanspruch. Nämlich die Frage, was die eigene Rolle noch bedeutet, wenn andere entscheiden.

Was sind die Leitplanken?
Selbstorganisation braucht einen klaren Rahmen. Welche Werte, Qualitätsstandards oder strategischen Prioritäten sind nicht verhandelbar? Wenn das explizit ist, können Teams innerhalb dieses Rahmens tatsächlich eigenständig arbeiten.

Wie gehen wir mit Fehlentscheidungen um?
Verantwortung abgeben bedeutet auch: aushalten, dass jemand anders entscheidet – und dass man das manchmal nicht gut findet. Wer das nicht aushält, wird Entscheidungen immer wieder zurückziehen. Und damit unbewusst weiter dafür sorgen, dass das Team nicht alleine ins Tun kommt.

Klarheit ermöglicht, sie schränkt nicht ein

In den meisten Organisationen können auch gar nicht alle Entscheidungen ans Team abgegeben werden – und das ist auch nicht das Ziel. Es geht darum, transparent zu machen, was gilt. Welche Themen liegen beim Team, welche nicht, und warum.

Dieser Rahmen wirkt im ersten Moment wie Aufwand. Ein gemeinsames Gespräch, eine Klärungsrunde, vielleicht ein Workshop. Aber er ist genau das, was langfristig entlastet. Denn wenn Entscheidungsräume klar sind, müssen weniger Rückfragen geklärt werden. Teams können tatsächlich eigenständig arbeiten. Und Führung muss nicht mehr Flaschenhals sein.

Klarheit ist keine Einschränkung von Selbstorganisation. Sie ist ihre Voraussetzung.

Du stehst gerade an diesem Punkt und willst mehr Klarheit? Dann lass uns sprechen.

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